19./20. Juni 2026

Es gibt Momente, in denen ein Raum kippt. Nicht dramatisch. Eher leise. Plötzlich redet niemand mehr über sein eigenes Startup – alle reden über das der anderen. Und meinen es ernst.
Genau das ist in den zwei Tagen unserer ersten Masterclass in Batch 2 passiert.
Helmut Ness, Mitgründer von 5werken – einem Büro für Markenstrategie mit 30 Jahren Geschichte – hat Produkt- und Geschäftsmodell nicht als Theorie vermittelt. Er hat die Teams dazu gebracht, ihre eigenen Annahmen in Frage zu stellen. Und dabei die Ideen der anderen wirklich zu verstehen. Am Ende dieser zwei Tage sagte jemand: „Ich habe deine Idee schon länger verstanden. Aber jetzt bin ich wirklich ein Fan von deinem Produkt und deiner Mission.“
Das ist der Unterschied zwischen Wissen und Verstehen.
Der Workshop startete nicht mit einer Folie. Er startete mit einer Frage: Wie geht es euch gerade, wirklich?
Die Teilnehmenden wurden gebeten, sich physisch im Raum zu positionieren – auf einer Skala von „Sonne“ bis „Gewitter“. Eine einfache Übung, die sofort etwas aufdeckt: Wer ist heute präsent? Wer trägt etwas mit sich? Die Stimmung im Raum war überwiegend positiv – mit einzelnen Schattierungen, die zeigten, dass alle mit echten Gedanken und echten Situationen im Raum saßen.
Helmut selbst stellte sich dazwischen. Er kenne die Gruppe noch nicht gut genug, um zu wissen, wo er den meisten Mehrwert bieten kann.
Diese Art des Einstiegs ist kein Smalltalk. Sie schafft psychologische Sicherheit. Und die ist, wie sich in den nächsten zwei Tagen zeigen sollte, die eigentliche Voraussetzung für gutes Arbeiten.
Helmut hat Design Thinking nicht aus dem Lehrbuch. Er hat es von der Quelle.
An der Stanford University wurde die D-School gegründet, um akademische Silos aufzubrechen. David Kelly – Gründer von IDEO und Mitentwickler der ersten Apple-Maus – wollte, dass Ingenieure, Designer und Soziologen zusammenarbeiten, statt nebeneinander. Hasso Plattner machte es finanziell möglich. Das HPI in Potsdam entstand nach demselben Gedanken.
Helmuts eigener Werdegang führte ihn von Zürich und Wiesbaden über Metadesign – wo er für Volkswagen und die BVG arbeitete – zum HPI und zur Stanford B-School als Coach. 5werken wurde vor 30 Jahren gegründet. Seitdem hat er erlebt, was funktioniert – und was nicht.
Beides hat er mitgebracht.
Ein Konzept zog sich durch beide Tage: das T-Shaped Profil.
Der horizontale Balken steht für Offenheit, Kooperationsfähigkeit und die Bereitschaft, über den eigenen Bereich hinaus zu denken. Der vertikale Balken steht für tiefe Fachkompetenz. Wer beides mitbringt, ist wertvoll für ein interdisziplinäres Team.
An der Stanford D-School ist das T-Shape-Profil sogar Bewerbungskriterium. Tesla geht noch weiter und fordert ein P-Shape – zwei vertiefte Fachexpertisen. Die Idee dahinter: Starke Teams brauchen Menschen, die nicht nur in ihrer Disziplin exzellent sind, sondern die Sprache der anderen sprechen können.
Nicht alle müssen alles können. Aber alle müssen miteinander können.
Der Workshop hatte eine Struktur. Aber keine, die um jeden Preis durchgezogen werden musste.
Helmut richtete sich nach dem aus, was die Teams in diesem Moment wirklich beschäftigte – emotional und inhaltlich. Wer gründet, trägt viel mit sich. Zweifel, offene Fragen, den Druck, schnell voranzukommen. Ein Format, das das ignoriert, verliert die Menschen im Raum. Dieses Format hat sie geholt.
Feedback funktionierte nach dem Prinzip der gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg: „Yes, and…“ statt Kritik. Nicht um Konflikte zu vermeiden – sondern um Ideen weiterzudenken, statt sie zu stoppen.
Der erste Tag gehörte dem Fundament. Bevor Lösungen entwickelt werden, muss das Problem wirklich verstanden sein. Klingt selbstverständlich – ist es in der Praxis selten.
Das Business Model Canvas war der Einstieg. Nicht als Pflichtübung, sondern als Werkzeug, um ein gemeinsames Verständnis im Team herzustellen. Was genau lösen wir? Für wen? Womit verdienen wir Geld?
Danach: Nutzerzentrierung. Helmut führte in Werkzeuge wie Empathy Maps, Customer Journeys und das Value Proposition Canvas ein – Methoden, die zeigen, wie man Zielgruppen nicht nur beschreibt, sondern wirklich versteht. Wer sind diese Menschen? Was frustriert sie? Was wollen sie eigentlich?
Die Segelboot-Methode half den Teams, ihren aktuellen Stand ehrlich zu analysieren: Was treibt uns voran – Netzwerk, Resonanz, erste Kunden? Was bremst uns – fehlende Ressourcen, Unsicherheiten, offene Fragen? Die Metapher ist einfach. Die Gespräche, die sie ausgelöst hat, waren alles andere als oberflächlich. Die Segelboot-Übung wird als „Living Dock“ weitergeführt – jeden Monat überprüft, angepasst, ehrlich geblieben.
Helmut brachte auch den 5W-Prozess mit – ein Framework, das er mit 5werken entwickelt hat:
Ein roter Faden für alles, was danach kam.
Am zweiten Tag wechselte die Energie im Raum. Weg von Analyse, hin zu Bewegung.
Was an diesem Tag besonders war: Die Kreativitätsübungen passierten nicht am Tisch. Die Gruppe legte sich in einem Kreis auf den Boden. Lief mit Zetteln auf dem Rücken durch den Raum, an denen andere Ideen hinterließen. Warf sich gegenseitig eine Orange zu – Hot Potato, eine Methode, bei der Ideen weiterentwickelt werden, ohne dass jemand zu lange an einem Gedanken festhält. Jede Übung hatte dasselbe Ziel: raus aus dem Kopf, rein in die Handlung.
Die Erkenntnis dahinter: Persönliche Zusammenarbeit bleibt der stärkste Hebel. Kein Tool ersetzt den Moment, wenn Menschen gemeinsam im Raum denken und sich dabei physisch begegnen.
Den Abschluss bildete eine Übung, die tiefer ging als erwartet. Die Gründer:innen arbeiteten in Zweierpaaren – und schauten gemeinsam auf die Probleme des jeweils anderen. Was dabei passierte: Viele merkten, dass das, was sie als ihr eigentliches Problem benannt hatten, nur die Oberfläche war. Darunter lagen tiefere Fragen – zu Zielgruppe, Positionierung, Timing. Die andere Perspektive hat das sichtbar gemacht.
Aus dieser Tiefe heraus endete der Tag mit einer konkreten Ideation-Session: Jedes Team definierte klare nächste Schritte. Nicht als Liste. Als echte Verpflichtung gegenüber sich selbst – und gegenüber dem Batch.
Batch 2 brachte unterschiedliche Ideen in den Raum. Einige davon:
Foldy – ein Dokumenten-Assistent, der Papierkram automatisiert. Scannt, kategorisiert, fasst zusammen. „Sekretär in der Hosentasche“ war der interne Claim. In der Masterclass wurde geschärft: Wer ist die erste Zielgruppe wirklich? Breit starten oder mit einer klaren Nische?
Clarity – hochwertige 3D-Modelle per Knopfdruck. Die Kernfrage, die im Workshop entstand: Wer ist der Kunde wirklich? Technische Nischen oder Online-Shop-Betreiber, die nach dem Shopify-Setup Produktvisualisierungen brauchen?
Boomerent – operatives Immobilienmanagement mit KI. Claim im Workshop: „Ihr Vermieter hat ein Team. Sie jetzt auch.“ Die Arbeit in der Masterclass: Wo liegt der emotionale Kern – Transparenz, Kostenkontrolle oder schlicht Einfachheit?
PraxiOps – eine Plattform für Arztsuche und Reputationsmanagement, die weg von manipulierbaren Bewertungen hin zu verifizierten Ergebnisdaten will. Die große Frage: Wo startet man – Einzelarztpraxen, Privatkliniken, staatliche Häuser?
Hemafund – eine Biobank für postnatale menschliche Zellen und Gewebe, spezialisiert auf die Einlagerung von Stammzellen aus Nabelschnurblut. Mission: Gesundheit durch innovative Zelltherapien verbessern. Im Workshop ging es um die Frage, wie man eine hochkomplexe Life-Science-Vision für Eltern greifbar macht.
RK Droneview – thermografische Drohneninspektionen für PV-Anlagen, Windenergieanlagen und Wärmenetze. Präzise Zustandsdaten als Grundlage für technische Entscheidungen. Im Workshop: Wie kommuniziert man technische Tiefe so, dass Entscheider sofort den Nutzen verstehen?
Jedes Team verließ die zwei Tage mit einem schärferen Bild – nicht weil Helmut ihnen gesagt hat, was richtig ist, sondern weil die Fragen, die er stellte, sie dazu gebracht haben, selbst zu antworten.
Helmut untermauerte die Methodik mit echten Geschichten – und mit Misserfolgen, die genauso lehrreich waren.
Weber Grills – in Deutschland über 15 Jahre vom unbeschriebenen Blatt zum Marktführer. Nicht durch Glück, sondern durch konsequentes Design Thinking und Markenpflege.
Restube – gegründet von einem Kitesurfer, der ein konkretes Sicherheitsproblem auf dem Wasser lösen wollte. Ein aufblasbarer Airbag in Gürtelform. Durch iterative Weiterentwicklung trägt das Produkt heute auch Wertgegenstände. Die Lösung war von Anfang an da – aber sie musste wachsen dürfen.
Seven Fridays – nachhaltiges erdgebundenes Reisen, gestartet von einem 82-jährigen Gründer. Heute ein direkter Wettbewerber zu Booking.com.
Aber auch: Bionade, dessen Gründer von Investoren verdrängt wurde. Ein eigenes Weinprojekt, das im kompetitiven Markt scheiterte. Kooky, ein Kaffeebecher-Kreislaufsystem, das an Gründerkonflikten zerbrach. Und Naki, ein Powerbank-Verleih, den die Pandemie stoppte.
Erfolge und Scheitern gehören zusammen. Wer das eine zeigt und das andere verschweigt, erzählt nur die halbe Geschichte.
Helmut zog durch die zwei Tage mehrere Bezugspunkte:
Simon Sinek – Why, How, What. Was treibt dich wirklich an? Wer das nicht beantworten kann, hat kein Fundament für seine Marke.
Marty Neumeier – über die Lücke zwischen Produkt und emotionaler Markenbindung. Produkte werden gekauft. Marken werden geliebt. Der Weg dazwischen ist Design Thinking.
Methoden kann man googeln. Was nicht dokumentiert werden kann, ist das, was zwischen den Menschen in diesem Raum passiert ist.
Die Teams haben sich gegenseitig herausgefordert. Nicht destruktiv – konstruktiv. Sie haben Annahmen hinterfragt, Ideen verbessert, sich gegenseitig ehrliches Feedback gegeben. Und sie sind dabei als Team gewachsen. Nicht nur als Gruppe von Einzelgründern, die zufällig im selben Batch sind.
Der Vibe, der entsteht, wenn alle wirklich präsent sind – für sich und für die anderen – ist nicht planbar. Aber er ist der Grund, warum Formate wie diese funktionieren.
Reflect · Define · Challenge · Ideate · Prototype · Navigate
Sechs Schritte. Zwei Tage. Ein Ergebnis: Teams, die ihr Geschäftsmodell nicht mehr beschreiben – sondern verstehen.

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